Die künstlerische Mitarbeiterin Natascha Burk von der Kunsthochschule Kassel spricht in der Reihe „KhK im Gespräch“ über ihren experimentellen Designansatz, die Bedeutung des physischen Modellbaus und das Zusammenspiel von analogen Arbeitsweisen und künstlicher Intelligenz. Das Interview führte Çiğdem Özdemir.
Was treibt dich in deiner Arbeit als Designerin an, und welche Fragen beschäftigen dich aktuell?
Zwei Themen, die mich in meiner künstlerischen Praxis immer wieder beschäftigen, sind Imitation und Adaption. Mich interessiert beispielsweise, wie sich ein Material durch ein anderes darstellen lässt oder wie eine Technik, die für eine bestimmte Anwendung entwickelt wurde, in einen neuen Kontext übertragen werden kann. Aktuell befasse ich mich mit der digitalen Adaption handwerklicher Techniken sowie industrieller Verbindungs- und Fertigungsverfahren. Dabei gehe ich der Frage nach, wie sich Prinzipien analoger Techniken mithilfe digitaler Technologien neu interpretieren lassen und welche gestalterischen Möglichkeiten sich daraus ergeben.
Wie wird aus einer ersten Idee ein konkreter Entwurf, und welche Rolle spielen dabei Recherche und Experimente?
Mein Ansatz ist explorativ und prozessorientiert. Am Anfang steht oft das Interesse an einem bestimmten Material oder einer Technik. Durch Recherche und praktische Experimente entwickelt sich daraus eine Vorstellung für den Entwurf. Obwohl ich im Umgang mit CAD geübt bin, spielt der physische Modellbau in meinem Entwurfsprozess eine große Rolle, ob mit Papier und Pappe oder im 3D-Druck. So überprüfe ich, ob meine Überlegungen hinsichtlich Maßstab, Proportionen und Funktion aufgehen. Der Modellbau ermöglicht mir eine andere Art der Reflexion, bei der ich häufig Möglichkeiten entdecke, an die ich zuvor noch nicht gedacht habe.
Welche Erfahrungen aus deiner eigenen Praxis prägen das, was du Studierenden in der Lehre mitgibst?
Aus meiner eigenen Praxis weiß ich, dass zum Designberuf mehr gehört als das Entwerfen. Die eigene Arbeit verständlich zu vermitteln, Projekte zu dokumentieren und sichtbar zu machen, ist genauso wichtig. Das möchte ich den Studierenden mitgeben und ihnen zeigen, welche unterschiedlichen Wege sie als angehende Designer:innen einschlagen können.
In der Grundlagenlehre verbinde ich das Erlernen wichtiger Werkzeuge und Methoden mit praxisbezogenen Aufgaben. Diese bieten Orientierung und lassen zugleich Raum für individuelle Zugänge und Experimente. So entwickeln die Studierenden schrittweise Sicherheit im Entwurfsprozess sowie eine eigenständige und reflektierte gestalterische Haltung.
Durch Einblicke in Prozesse und Fragestellungen aus meiner eigenen Praxis möchte ich den Studierenden ein realistisches Bild des Berufs vermitteln. Diesen Austausch verstehe ich als wechselseitig: Themen aus meiner Praxis fließen in die Lehre ein, während aus der Arbeit mit den Studierenden neue Impulse für meine gestalterische Arbeit entstehen.
KI im Design: Wie verändert künstliche Intelligenz die Rolle von Designer:innen?
KI generiert meiner Erfahrung nach meist das Naheliegende und Erwartbare. Das kann durchaus praktisch sein, etwa wenn es darum geht, eine E-Mail zu formulieren oder ein Foto zu retuschieren. Ein Designentwurf wird für mich jedoch dann interessant, wenn er überrascht oder neue Verbindungen sichtbar macht, beispielsweise zwischen zwei Themen oder Disziplinen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben.
Deshalb kann KI meiner Meinung nach die individuellen Beobachtungen, die einen Entwurf prägen, nicht ersetzen. Gleiches gilt für die Erfahrungen, die beim physischen Arbeiten und im Umgang mit Material entstehen, wenn etwas hervorgebracht wird, das sich im Voraus nicht planen lässt. Auf solche Erfahrungen setze ich in meiner eigenen Praxis, und das möchte ich auch in meiner Lehre vermitteln. Je selbstverständlicher KI im Entwurfsprozess wird, desto wichtiger werden für mich das Entwickeln eigener Fragestellungen und das prozesshafte analoge Arbeiten.
Über Natascha Burk
Natascha Burk ist Produktdesignerin und seit 2022 künstlerische Mitarbeiterin bei Prof. Lutz Pankow in der Basisklasse Design an der Kunsthochschule Kassel. In ihrer gestalterischen Praxis verbindet sie Industriedesign mit experimenteller Formfindung. In ihren Möbel- und Objektentwürfen untersucht sie Materialien, Prozesse und Technologien und überträgt bekannte Prinzipien in ungewohnte Kontexte.
Neben ihrer Lehrtätigkeit an der Kunsthochschule arbeitet sie freiberuflich mit Firmen und Studios zusammen und verfolgt eigene freie Projekte. Mit ihren Entwürfen ist sie unter anderem beim Berliner Label Successful Supper vertreten. Zuletzt waren ihre Arbeiten im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, beim Ars Electronica Festival in Linz, bei den Dresden Design Days, der Paris Design Week und dem Designfestival Currents Berlin zu sehen.
Im Kollektiv „Casting Agency“ erforscht sie gemeinsam mit den Designerinnen Friederike Wübbeler und Lisa Wübbeler, wie experimentelle Gießverfahren die formalen Eigenschaften von Objekten aus Zinn und anderen Materialien prägen.
Weitere Informationen zu Natascha Burk:
nataschaburk.com
Zur Reihe „KhK im Gespräch“
Die Reihe „KhK im Gespräch“ stellt die künstlerischen und wissenschaftlichen Mitarbeitenden der Kunsthochschule Kassel vor. Im Mittelpunkt stehen ihre individuellen Arbeitsweisen, aktuellen Projekte und Forschungsansätze sowie ihr Engagement in Lehre und Forschung. Dabei wird sichtbar, wie vielfältig die Perspektiven und Impulse sind, die zur Weiterentwicklung der Kunsthochschule Kassel beitragen.
