Rund 64 künstlerische und gestalterische Positionen, ein gemeinsamer Ausstellungsraum und die Frage, wie vielfältige Wege miteinander in Beziehung treten können: Als Kuratorin der EXAMEN 2026 (9. bis 13. Dezember) konzipiert Emily Pretzsch eine Präsentation über Zeit, Werden und Orientierung.
„Ich habe eine Vorliebe für Ausstellungen mit vielen Künstler:innen. Ich bin selbst Maximalistin, auch in der Art, wie ich kuratiere“, sagt sie über ihre Motivation, die diesjährige Examensausstellung der Kunsthochschule Kassel zu gestalten. An Gruppenausstellungen reizt sie, verschiedene künstlerische Welten nebeneinander existieren zu lassen und neue Blickwinkel zu entdecken. „Die documenta-Halle ist ein Ort, an dem ich räumlich experimentieren und kuratorische Möglichkeiten ausloten kann“, freut sich die Kunstwissenschaftlerin. Dafür entwickelt sie ein vereinfachtes Modell der documenta-Halle, in dem sie verschiedene räumliche Konstellationen erprobt: Was braucht eine Arbeit, um sich zu entfalten? Licht oder Dunkelheit, Ruhe oder Klang, Nähe oder Abstand? Es wird das bislang größte Projekt sein, das sie kuratiert.
Until Due Time lautet der Untertitel der diesjährigen EXAMEN. Im Zentrum des Konzepts steht das englische Wort due. Es bezeichnet einen Zeitpunkt, an dem etwas fällig oder erwartet ist. In der Wendung due north erhält es zugleich eine räumliche Bedeutung und beschreibt eine genaue Richtung nach Norden. Aus dieser Mehrdeutigkeit leitet Pretzsch ihre Überlegungen zu Entwicklung und Orientierung ab: Wie viel Zeit braucht etwas, um zu werden, und wann verändert sich seine Richtung?
Mit dem Ende des Studiums erreichen die individuellen Entwicklungsprozesse der Absolvent:innen einen vorläufigen Punkt. Sie zeigen, wo sie gerade stehen und wohin sich ihr Schaffen weiterentwickeln könnte. „Das Studium bietet besondere Bedingungen, um Kunst zu machen und Dinge auszuprobieren. Danach wird vieles anders“, äußert Pretzsch. Sie begreift die Abschlusspräsentation als einen Moment an einer Schwelle: als Gelegenheit, einen Abschnitt bewusst abzuschließen und zu feiern, ohne das Kommende bereits festzulegen. „Künstlerische Prozesse verlaufen selten geradlinig. Manche nehmen Umwege, andere verdichten sich oder beginnen noch einmal von vorn. In der Ausstellung sollen diese unterschiedlichen Tempi nebeneinander bestehen dürfen“, betont sie.
Die Herausforderung besteht darin, rund 64 eigenständige Beiträge aus Kunst und Gestaltung zu einem gemeinsamen Ganzen zusammenzuführen, ohne sie auf eine einzige Erzählung zu reduzieren. Anders als bei einer klassischen Gruppenschau sind die beteiligten Positionen bereits festgelegt. Üblicherweise erarbeitet Pretzsch zunächst ein Thema und lädt anschließend Künstler:innen ein, deren Werke sie im Austausch in das Konzept einbezieht. Bei der EXAMEN ist die Ausgangslage umgekehrt: „Die unterschiedlichen Positionen stehen bereits fest. Erst durch die Auseinandersetzung mit ihnen entwickele ich ein Thema, das die Vielfalt aufnehmen kann“, erläutert sie.
Die kuratorische Praxis der Berliner Kunstwissenschaftlerin ist von ihrer Auseinandersetzung mit Kollaboration geprägt. Schon früh hat sie gemeinsam mit anderen kuratiert und begreift die Konzeption von Präsentationen als einen Prozess, der im Austausch entsteht. Für das aktuelle Vorhaben möchte sie die Beiträge der Absolvent:innen zunächst möglichst genau kennenlernen. Bei Studiobesuchen vor Ort und online, in Gesprächen sowie anhand von Zeichnungen und Texten setzt sie sich mit deren Ideen und Arbeitsweisen auseinander. Dabei interessieren sie nicht allein die fertigen Werke, sondern ebenso die individuellen Prozesse, aus denen sie hervorgegangen sind. „Ich wünsche mir eine Zusammenarbeit, in der beide Seiten etwas einbringen können“, sagt Pretzsch. Aus den Vorstellungen der Ausstellenden können räumliche Überlegungen und neue Fragen erwachsen. Voraussetzung dafür ist gegenseitiges Vertrauen. Sie möchte die Entscheidungen der Beteiligten respektieren und zugleich ihre eigene Sichtweise einbringen. Nähe und Eigenständigkeit sollen sich dabei nicht ausschließen.
Auch ihre langjährige Erfahrung in der Kunstvermittlung fließt in die Planung ein. Pretzsch interessiert, welche Erfahrungen Besucher:innen mitbringen und wie sie persönliche Zugänge zu den gezeigten Werken finden können: „wer besucht eine Ausstellung, welche Erfahrungen bringen Menschen mit und wie können sie einen Zugang zu den Arbeiten finden? Eine Abschlussausstellung bietet viele Möglichkeiten, solche Verbindungen herzustellen“, erklärt sie.
In früheren Projekten richtet die Kuratorin den Blick auf vielfältige Sichtweisen auf die Welt. Zu ihren Interessengebieten gehören Mythologie, Temporalität, Werden und Entwicklung, Träume und Wünsche sowie Science-Fiction und posthumanistische Ansätze. Sie fragt danach, welche Spuren Menschen auf der Erde hinterlassen, welche Geschichten sie über sich selbst erzählen und wer diese Erzählungen prägen kann. „Das Geschichtenerzählen als kulturelle Praxis beschäftigt mich sehr, besonders bei der Frage, in welchem Kontext Kunst gezeigt wird“, gibt Pretzsch zu bedenken.
Diese Fragen prägen auch ihr Verständnis von Kuration. Mit der EXAMEN – Until Due Time möchte sie einen Raum schaffen, in dem Erfahrungen und Sichtweisen nebeneinander bestehen und miteinander in Beziehung treten können, ohne ihre Eigenständigkeit zu verlieren. „Als Kuratorin muss ich mich immer wieder auf eine andere Denkweise und eine andere Praxis einlassen. Das verlangt Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, meine eigenen Vorstellungen auch zu verändern“. Vom 9. bis 13. Dezember 2026 entsteht in der documenta-Halle ein Dialog zwischen den gezeigten Werken, während jedes einzelne zugleich den Freiraum erhält, für sich zu sprechen.
Emily Pretzsch (geb. 2000) ist eine in Berlin lebende Kunstwissenschaftlerin und Kuratorin. Im Zentrum ihrer Tätigkeit stehen kollektive Autor:innenschaft, spekulatives Weltbauen sowie die poetischen Dimensionen des Narrativen. Ausgehend von Fragen zu Temporalität, Fiktion und möglichen Zukünften erforscht sie im engen Austausch mit zeitgenössischen Künstler:innen, welche Geschichten wir erzählen und welche Spuren wir dabei hinterlassen. Sie studierte Kultur-, Technik- und Kunstgeschichte an der TU Berlin sowie Curatorial Studies an der Städelschule und der Goethe-Universität Frankfurt.
(Text: Çiğdem Özdemir)
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