Die künstlerische Mitarbeiterin Anna Holzhauer (Kunsthochschule Kassel) erzählt in der Reihe „KhK im Gespräch“, wie aus der Auseinandersetzung mit einem Ort und seinen Bedingungen neue Arbeiten entstehen, welche Bedeutung Materialität und Veränderung für ihre Skulpturen haben und wie ihre eigene künstlerische Erfahrung in ihre Lehre einfließt. Das Interview führte Çiğdem Özdemir.
Wie definierst du deine künstlerische Praxis?
In meiner künstlerischen Praxis interessieren mich Schnittstellen zwischen Innen und Außen sowie die Frage nach der Oberfläche und Begrenzung von Dingen. Dabei spielt das Fragmentarische und Fragile eine zentrale Rolle. Skulptur ist ja grundsätzlich partizipatorisch angelegt, da sie sich nicht nur betrachten, sondern körperlich erfahren lässt, indem man sie umschreitet oder sie auch begeht. Diese unmittelbare Beziehung zwischen Körper, Raum und Objekt hat mich bereits während meines Studiums dazu bewegt, dreidimensional zu arbeiten.
Von der Idee bis zur Umsetzung: Wie entstehen deine Werke?
Zunächst gibt es in der Regel einen Ort, mit dem ich mich inhaltlich und formal auseinandersetze und zu dem ich erste Ideen entwickle, die schließlich in ein Konzept münden. Die Umsetzung der Arbeiten orientiert sich an den jeweiligen Anforderungen des Ortes sowie an der Idee, die unmittelbar mit ihm verbunden ist. Dabei kommen unterschiedlichste Materialien zum Einsatz. Stahl, Kunststoff, Beton und Holz sind meine bevorzugten Werkstoffe für großformatige, begehbare Arbeiten. Darüber hinaus arbeite ich auch mit Materialien wie Wasser, Puderzucker, Ton, Gips und textilen Stoffen. So habe ich beispielsweise eine 150 kg schwere Skulptur aus Knete gebaut, weil mich die Materialität und der zeitlich bedingte Transformationsprozess besonders interessierten, der sich unmittelbar an der Oberfläche abbildete.
Wie beeinflusst deine eigene künstlerische Arbeit das, was du den Studierenden in der Lehre mitgibst?
Erst einmal geht es in der Lehre vor allem darum, die individuellen Prozesse zu unterstützen, Impulse für die Entwicklung der künstlerischen Arbeit zu geben und dabei zu helfen, den Kern der eigenen Auseinandersetzung und Fragestellung herauszuschälen. Diese Unterstützung ist sehr individuell, und die gewählten Medien der Studierenden sind dabei so offen und vielfältig, dass ich sie bei der konkreten Umsetzung nicht immer praktisch beraten kann. Natürlich beeinflusst meine eigene künstlerische Erfahrung immer auch die Lehre, jedoch geht es mir nicht darum, bestimmte künstlerische Entscheidungen oder Sichtweisen vorzugeben.
Was möchtest du mit deiner Kunst auslösen, anstoßen oder hinterfragen?
Auch wenn meine Arbeiten oft großformatig sind, interessiert mich das Subtile und nicht Eindeutige. Ich versuche, mich der erfahrbaren Wirklichkeit anzunähern und die eigenen Sehgewohnheiten zu hinterfragen. Das bewusste Wahrnehmen meiner Arbeiten tritt eher in den Hintergrund, weil ich ihnen zufällig begegnen kann und dann erst den Blick schärfe oder vielleicht auch gar nicht bemerke, dass es sich um eine künstlerische Intervention handelt. Aber wenn durch meine Arbeit ein Moment der Irritation und der Aufmerksamkeit die Wahrnehmung beeinflusst, dann ist mir vielleicht etwas gelungen. Einen Perspektivwechsel einzunehmen und offen zu bleiben, ist mir wichtig.
Anna Holzhauer
Die Bildende Künstlerin Anna Holzhauer ist künstlerische Mitarbeiterin von Prof. Florian Slotawa im Studienschwerpunkt Skulptur – Bildende Kunst an der Kunsthochschule Kassel. In ihrer künstlerischen Arbeit beschäftigt sie sich mit der Frage, was Raum ist und wie Raum konstruiert wird. Dabei setzt sie sich mit klassischen Fragen von Form und Perspektive auseinander und untersucht die Zusammenhänge zwischen Linie und Kontur. Neben der Entwicklung ihrer Skulpturen interessiert sie sich auch für institutionelle Räume im Kunstkontext. Für ihre künstlerische Arbeit wurde Anna Holzhauer mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Arbeitsstipendium der Stiftung Kunstfonds, dem Förderpreis der Darmstädter Sezession, einem Artist-in-Residence-Stipendium in Dehua, China, dem Kasseler Kunstpreis der Dr.-Wolfgang-Zippel-Stiftung sowie dem Georg-Meistermann-Stipendium. Ihre Arbeiten waren unter anderem im Kunsthaus Essen, in der Bundeskunsthalle Bonn, im Märkischen Museum Witten, im Kunstverein Bellevue-Saal Wiesbaden, im Kasseler Kunstverein und im Saarländischen Künstlerhaus Saarbrücken zu sehen.
Zur Reihe „KhK im Gespräch“
Die Reihe „KhK im Gespräch“ stellt die künstlerischen und wissenschaftlichen Mitarbeitenden der Kunsthochschule Kassel vor. Im Mittelpunkt stehen ihre individuellen Arbeitsweisen, aktuellen Projekte und Forschungsansätze sowie ihr Engagement in Lehre und Forschung. Dabei wird sichtbar, wie vielfältig die Perspektiven und Impulse sind, die zur Weiterentwicklung der Kunsthochschule Kassel beitragen.
